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Uschis und Ullas Welt *

 

Zwei Zehntkläßlerinnen telephonieren miteinander.

„Ja?“

„Ich bin’s. Ich wollt dir nur mal schnell erzählen: Is was ganz Tolles passiert!“

„Echt?“

„Ja, du, wirste nich glauben!“

„Nu sag schon.“

„Ich hab vorhin den Malte-Merlin getroffen, aus der Elften. Wie er seine neue Wandzeitung gebastelt hat, über die Gefahren von Koffein.“

„Und?“

„Ja, dann haben wir ’n bißchen gequatscht, von der Schule, und der wußte ja auch, daß ich letztes Jahr von der Aufsicht zu dieser Colaentwöhnung geschickt worden bin.“

„Und?“

„Und dann wollt er eben wissen, wie’s mir jetzt geht, und ob ich immer noch clean bin, und ob meine Eltern endlich Nichtkaffeetrinker sind und dann …“

„Hm?“

„Dann hat er gesagt, wir könnten uns ja mal treffen!“

(Beide kreischen.)

„Is das nich geil?“

„Das is sowas von geil!“

„Malte-Merlin!“

„Ich beneid dich sowas von!“

„Oh, Mann, das is echt der coolste Typ der ganzen Schule. Du, der hat noch niemals Cola oder Kaffee getrunken, und er hat auch schon mit zehn die erste freiwillige Selbstverpflichtungserklärung unterschrieben, das nie zu tun.“

„Echt?“

„Ja. Und dann war der schon in der Siebten Jahrgangsbeauftragter für die Aktion ‚Schule ohne Koffein – Schule voller Gesundheit’.“

„Boah, ey.“

„Ich hab gehört, als seine Tante ihm letztes Jahr mal ’ne Cognacbohne angeboten hat –“

„Wo hatte sie ’n die her?“

„Keine Ahnung. Geschmuggelt. Is halt ’ne Verbrecherin. Die soll ja auch mal geraucht haben, damals, als es noch erlaubt war.“

„Iiiih.“

„Ja, also wie sie ihm die Cognacbohne angeboten hat, da hat er sie gleich angezeigt, über die Internetwache von der Hauptgefahrenstelle für Süchte.“

„Boah, ey. Das is ja so geil: Keine Macht den Drogen!“

„Den Drogen keine Macht! Und in der Grundschule hat er schon dafür gesorgt, daß ’ne Lehrerin entlassen wurde: Die hatte ihm und einigen anderen Kindern in der Pause erzählen wollen, früher hätte man ohne jede Beschränkung Sahnetorten kaufen können, einfach so.“

„So ’n Quatsch. Das war bestimmt ’ne Agentin der Zuckerlobby!“

„Bestimmt. Mir hat mal so ’n Gangster einreden wollen, daß es bis vor ’n paar Jahren auch noch andere Sachen zum Knabbern gab als rohes Gemüse. In Fett gebackene Kartoffelscheiben und so ’n Zeug.“

„Iiiih, das is ja, als würde man an den Joghurt Zucker tun.“

„Würg. Normalerweise, wenn es gute Menschen sind, tut Malte-Merlin immer alles, was ihm von Erwachsenen gesagt wird.“

„Was für ’ne coole Sau.“

„Obwohl das ja eigentlich klar is: So Eltern oder Lehrer, überhaupt Erwachsene, haben eben mehr Ahnung.“

„Klar.“

„Ich kann ihn aber bloß kurz treffen.“

„Wieso?“

„Na ja, wenn um achtzehn Uhr die Schule aus is, hilft er erstmal ’ne halbe Stunde bei der Kontrolle der Mappen der jüngeren Schüler.“

„Stimmt, ey, der is sowas von scharf. Mir hat er mal zweihundert Sozialkundestunden aufgebrummt, weil ich ’nen Text von Hemingway dabei hatte, den ich mir ausgedruckt hatte. Voll süß, ey!“

„Schlampe, du wolltest den doch bloß anbaggern! (lacht) Weißte doch, daß nich nur Werke verboten sind, in denen tödliche Drogen wie Alkohol und Tabak konsumiert werden, sondern auch welche, die von Leuten kommen, die einen liederlichen Lebenswandel gezeigt haben.“

„Er hat mich ja auch nich weiter beachtet. Dabei hatte ich meine unförmigsten Sandalen an. Und mein Krötenshirt.“

„Na ja, also wenn er dann endlich zu Hause seinen Sojabrei gegessen hat, dann hilft er noch bei der Überwachung der Computer von anderen Schülern. Und organisiert die Süßwarenprävention für Grundschüler. Dann is er noch in ’ner Parteijugend.“

„Echt? Geil!“

„Und in der Fahrradwerkstatt gegen das Vergessen.“

„Ja, wenn wir die nicht hätten! Manchmal würd ich beinah vergessen, daß man mit dem Rad nicht schneller als zehn Kilometer in der Stunde fahren darf.“

„Das kommt bloß daher, daß du nich immer sofort ausschaltest, wenn im Fernsehen ’n Film kommt, der für Jugendliche nich geeignet is.“

„Ich guck aber nie mehr als den Vorspann!“

„Was da steht, könnteste auch aus dem Internet erfahren. Was machste eigentlich in den dreißig Minuten, die wir jeden Tag surfen dürfen?“

„Ey, ich bin in ’ner Initiative für hungernde Ratten, vergiß das mal nich, ja!“

„Is ja schon gut. Also: Malte-Merlin. Der hat eben immer ganz wenig Zeit. Im Moment is er ja voll beschäftigt mit der Demo für schwerere Prüfungsaufgaben.“

„Oh ja, ey, das wird auch höchste Zeit! Wenn sie schon nicht die Zahl der Prüfungen erhöhen wollen.“

„Und sonst muß er am Wochenende zu seiner Umweltini für die Rettung von Mikrobiotopen.“

„Du meinst Pfützen?“

„Wenn du das noch mal sagst, muß ich dich melden!“

„Okee, okee.“

„Und er entwirft Plakate über die Gefährlichkeit von Lotto. Dann organisiert er den Marktplatz der Kulturen mit. Und er arbeitet als Schnapsspitzel, auch ehrenamtlich.“

„Klar ehrenamtlich. Geld is doch nich so wichtig!“

„Außerdem erledigt Malte-Merlin Schreibarbeiten und baut Möbel für bedürftige Abgeordnete …  Und dann liegt er ja bald im Bett.“

„Is klar: Zweiundzwanzig Uhr, wie wir alle.“

„Nee, nee, der Malte-Merlin is ja noch viel geiler drauf: Der geht schon um neun ins Bett, um am nächsten Morgen auch wirklich frisch zu sein, wenn er vor dem Frühstück erstmal ’ne Stunde Sport macht.“

„Vor der Stunde Schulsport schon ’ne Stunde Sport?“

„Ja, geil, was? Oh Mann, stell dir mal vor, und den treff ich bald, den coolsten Jungen der Schule, bei ihm zu Hause!“

„Toll, da lernste ja auch gleich seine Eltern kennen! Und die können aufpassen, daß nichts Schlimmes passiert.“

„Nee, nee, du, der is meist allein!“

„Warum?“

„Na, seine kleine Schwester is seit drei Wochen im Fettlager, weil sie drei Pfund zuviel drauf hatte –“

„Fette Sau!“

„M-hm, da hat Malte-Merlin die kleine Anna-Lena-Lea-Chantal gleich einweisen lassen.“

„Na ja, die wär ja bei der wöchentlichen Gesundheitskontrolle in ihrer Schule sowieso aufgeflogen.“

„Dabei hat Malte-Merlin seine Eltern schon vor zwei Jahren in die Therapie geschickt, weil sie zu viele Lebensmittel im Haus hatten mit roter Ampel drauf.“

„Pffft, Therapie! Ich hätt die auch gleich ins Lager gesteckt! Gesetze und andere Vorschriften sind schließlich dazu da, daß sich jeder dran hält.“

„Korrekt! Aber ich muß jetzt Schluß machen. Wir haben da einen erwischt mit ’nem total gewalttätigen Computerspiel: Schiffe versenken.“

„Au weia, seid gerecht zu ihm, aber hart!“

 

 

* Natürlich wird darauf Tinchens und Philipps Welt – sobald sie’s sich verdient haben.

 

 

 

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