Zum Wohle aller!
Nanny des Monats
November 2009: Konrad Freiberg
Das ab dem 15. November geltende Alkoholverbot der metronom Eisenbahngesellschaft (unserer Nanny des Monats April 2009) sorgte, als man sich im Oktober seiner erinnerte, in unseren unabhängigen, kritischen Medien für kaum kaschierbare Begeisterung. Zumal das Verkehrsunternehmen völlig überraschenderweise sogleich mit Umfragen aufwarten konnte, denen zufolge sämtliche Brigaden und sonstigen Kollektive in einem einmütigen Bekenntnis die Beschlüsse der Staats- und Parteiführung – äh, natürlich: die lieben Fahrgäste und Fahrgästinnen dieses nächste Verbot mit überwältigender Mehrheit begrüßen.
Schlagzeilen wie „Polizei fordert Alkoholverbot bei der Bahn“ ermöglichten jedoch Sie, Herr Freiberg. Zwar sind Sie weder Polizeipräsident noch Landes- oder gar Bundesinnenminister, sondern Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei im DGB, so daß allenfalls „(Eine) Polizeigewerkschaft fordert Alkoholverbot bei der Bahn“ hätte geschlagzeilt werden dürfen – doch mit solchen Petitessen hält man sich im zeitgenössischen Premiumjournalismus glücklicherweise nicht auf. Sie, Herr Vorsitzender, erklärten es aber nicht zur guten Idee, das Alkoholverbot des niedersächsischen Regionalbahnbetreibers auf die Züge der Deutschen Bahn, die Bahnhöfe und damit das gesamte Bundesgebiet auszudehnen – zumindest zeitweise, wie Sie hinzufügten, immer die alte Regel beherzigend, daß der Marsch in die Nannydiktatur in kleinen Schritten vorangehen muß, damit die doofen Untertanen und Zöglinge nicht mitkriegen, wohin die Reise geht (wenn man dann vom rauchfreien über den alkoholfreien zum koffeinfreien Bahnhof strebt, werden Sie sicher die gleichen Begründungen in vorbildlicher Weise recyclen: irgendwas mit Schutz, Gesundheit, Sicherheit, garniert mit einigen Zahlen, dem üblichen Alarmismus, der argen Lage der Bediensteten, und man muß doch mal an die Kinder denken, oh mein Gott; und die Umgebung der Bahnhöfe muß natürlich auch befreit werden – heute das Viertel, morgen die ganze Stadt). Sie, Herr Vorsitzender, gaben auch den Vorschlag zum Besten, es müßten Kontrollen kommen, die sicherstellen, daß kein Beförderungsfall Alkohol mit in den Zug nimmt.
Da wir nicht glauben können, solche Äußerungen würden darauf schließen lassen, Sie hätten womöglich selbst das eine oder andere Gläschen zuviel getrunken, rechnen wir Ihnen diesen Vorstoß in Richtung Nannydiktatur als höchst selbstloses Handeln an: Ihnen ging es offenbar nicht einfach darum, Ihre stramm reaktionäre Konkurrenzorganisation, die Deutsche Polizeigewerkschaft im Beamtenbund, rechts zu überholen. Sie wollten auch nicht – auf welchem Wege und mit welch abenteuerlicher Begründung auch immer – einfach mehr Stellen bei der Polizei rausschlagen, im Gegensatz zum Vorsitzenden der Verkehrsgewerkschaft GDBA, dem eine solche Aufstockung des Personals zum Zwecke zielgerichteter Einsätze an einschlägig bekannten Orten und zu einschlägig bekannten Zeiten viel wichtiger erschien als irgendwelche Verbote, zu deren Durchsetzung am Ende sowieso mal wieder die Mittel fehlen. Unter anderem finanzielle Mittel, welche die Auftraggeber des öffentlichen Nah- und Regionalverkehrs zur Verfügung stellen müßten – also die notorisch klammen (und demnächst dank der großartigen Maßnahmen unserer neuen Bundesregierung wahrscheinlich noch viel klammeren) Bundesländer.
Nein, Ihnen ging es augenscheinlich einfach nur darum, mal wieder irgendein neues Verbot zu propagieren und einen weiteren Vorwand zu finden, um den blöden Untertanen zu erziehen und ihnen vorzuschreiben, wie sie ihr Leben leben sollen. Und Sie wiesen der Bahn – die einer Sprecherin zufolge noch nicht so recht die Notwendigkeit neuer Untersagungen erkennen mag, für die Sie eigener Aussage nach bei Verantwortlichen der DB AG eifrig trommeln – einen Weg, wie diese die ganzen Verspätungen begründen kann. Damit sie nicht doch noch Dieter Nuhrs Phantasie folgen muß und Leichen kaufen, um diese auf die Schienen zu legen. Obwohl Tote ja bald in größerer Zahl verfügbar sein dürften – wenn Betrunkene und Trinkwillige dank Ihres tapferen Einsatzes, Herr Vorsitzender, auf den eigenen Wagen umsteigen. Wodurch Sie dann aber immerhin auch mehr Stellen bei der Feuerwehr fordern könnten, für die Ihre Gewerkschaft ja ebenfalls zuständig ist.