Nanny des Monats
Dezember 2008: Ephraim Gothe
Ihr Amt als Stadtrat für Stadtentwicklung des Berliner Bezirks Mitte haben Sie in jüngster Zeit hervorragend ausgefüllt und wahrhaft Großes für die Entwicklung nicht nur Ihres Stadtteils geleistet: Endlich halten auch im Zentrum der deutschen Kapitale Verhältnisse Einzug wie sie in vielen Kleinstädten längst bestehen. Wesentlich auf Ihr Betreiben hin wird der öffentliche Alkoholkonsum unter dem Fernsehturm verboten.
Als Vorwand, pardon: Anlaß dafür dient – wer hätte es erwartet – die zügellose, verwahrloste Jugend, welche, dem propagandistischen Dauerbombardement der letzten Monate zufolge, sich Wochenende für Wochenende vollends dem Alkohol ergibt. Unter dem Berliner Fernsehturm würden durch diese Saufgelage, so haben Sie der gehorsamen Presse in die Computer diktiert, Anwohner und Touristen gestört.
Den immensen Humorgehalt dieser Äußerung verstehen neben Anwohnern nur intime Kenner des Berliner Stadtzentrums. Denn dort, wo sich heute der Fernsehturm erhebt, befand sich dereinst die Berliner Altstadt. Bis die SED-Führung in den sechziger Jahren, ganz dem im Westen geprägten Ideal modernen Städtebaus folgend, nicht nur die Reste dieses Viertels plattmachen, sondern auch noch das gesamte, aus den mittelalterlichen Gründungstagen Berlins überkommene Straßenraster beseitigen ließ. Aus der Rathausstraße wurde eine Fußgängerzone, welche sich von anderen Fußgängerzonen vor allem dadurch unterscheidet, daß sie bereits öde wirkt, wenn die Geschäfte noch geöffnet haben. Die Karl-Liebknecht-Straße mutierte zur vielspurigen Autorennpiste. Eingefaßt wurden diese beiden Straßen durch jeweils eine hohe Betonwand, zwischen ihnen erstreckt sich schlecht kaschierte Leere. Die riesige Freifläche besitzt bis heute nicht mal einen Namen, weshalb sie von Berliner Journalisten und anderen Unwissenden gern zum Alexanderplatz erklärt wird. Seit keine Untertanen mehr aus Pasewalk, Treuenbrietzen oder Wilhelm-Pieck-Stadt Guben in die „Hauptstadt der DDR“ strömen, in der Hoffnung, dort Apfelsinen, H-Milch, West-Musik-LPs oder Trabbiersatzteile zu ergattern, verirrt sich selbst tagsüber kaum ein Tourist in diese Betonwüste. Geschweige denn abends. Und nun wird die Friedhofsruhe vollends wiederhergestellt, soll doch die von Ihnen, geschätzter Herr Gothe, verantwortete Parkordnung (noch ein Insiderwitz), die Handhabe bieten, öffentlich Alkohol genießende Jugendliche zu vertreiben.
Ja, ja, zu vertreiben, und nur dies. Was weiter mit den gefährderten Heranwachsenden geschieht, ob sie womöglich andernorts weitersaufen, das ist Ihnen, Herr Stadtrat, erstmal egal. Zumindest offiziell. Aber wir wissen natürlich: An jedem neuen Saufort kann die Parkordnung dann wieder zur Anwendung kommen – wer unterm Fernsehturm einen Park entdeckt, der wird ihn auch in einer baumlosen Mietskasernenstraße finden. Und so kann man dann, nach und nach, das Alkoholverbot ausdehnen, auf den ganzen Bezirk, auf die ganze Stadt, und dann gehört ihm Deutschland und morgen –
(Nebenher eine vorzügliche Methode, um dem dummen Stimmvieh, pardon: den Zöglingen und Untertanen, ich meine: unseren Menschen, ach, den lieben Bürgerinnen und Bürgern Handeln vorzugaukeln – Nannypolitik par excellence! Chapeau!)
Apropos morgen: Sicher hat das Alkoholverbot unterm Fernsehturm nichts damit zu tun, daß sich der Hausherr im benachbarten Roten Rathaus, als er abends (oder sonst irgendwann) mal im Büro gewesen sein mochte, von lärmenden Jugendlichen gestört fühlte. Und auch nicht damit, daß der – bundesweit als arbeitsamer Asket bekannte – Klaus Wowereit der gleichen Partei angehört wie Sie. Denn natürlich sind Sie Sozialdemokrat. Und deshalb finden Sie das Verdrängen von Problemen offenbar ganz in Ordnung. Oder von Menschen. Die zum Beispiel Opfer der großartigen Politik Ihrer Partei – im Bezirksamt von Mitte, im Senat von Berlin, in der Bundesregierung – sein mögen. Deshalb wollen Sie, nicht nur unterm Fernsehturm, lieber Polizei und Ordnungsamt zum Einsatz bringen statt Sozialarbeiter und ähnlichem Gedöns (um mal einen prominenten Repräsentanten Ihrer Partei zu zitieren).
Und recht haben Sie: Wozu sich mit Sozialklimbim aufhalten, der eh bloß Geld kostet, wenn man die Leute statt dessen abkassieren, ihnen auch noch die letzten Groschen von den Hartz-IV-Almosen aus der Tasche ziehen kann? Wo doch der von Ihrer Partei gestellte Finanzsenator genau weiß, wie komfortabel sich in dieser staatlich verordneten Armut leben läßt? Und natürlich gilt das Alkoholverbot nicht „für angemeldete Veranstaltungen“. Und sicher auch nicht für „Schankgärten“ – also jene Flächen in der Betonwüste, auf die Gastronomen Stühle stellen, sicher gegen ordentliche Gebühren, die ans Bezirksamt fließen.
Denn Geld ist hier der Schlüsselbegriff, gerade im Glühweinmonat Dezember: Wer dafür nur genügend bezahlt, der darf auch künftig in aller Öffentlichkeit saufen. Schließlich sind Sie Sozialdemokrat. Und was man von denen zu erwarten hat, weiß man spätestens seit 1918.