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Nanny des Monats
September
2008: „ZDF-Reporter“

In einer Welt, in der alles so unsicher geworden ist, kann man sich darauf wenigstens verlassen: Den beginnenden Feierabend garniert das Zweite Deutsche Fernsehen mit einer zünftigen Karambolage. Mindestens einer. Man mag sich gar nicht ausmalen, in welch Verzweiflung die Macher von „Hallo Deutschland“ gestürzt würden, gäbe es eines furchtbaren Tages mal keinen Verkehrsunfall auf irgendeiner deutschen Autobahn oder Bundesstraße mit wenigstens einem Todesopfer.

Doch als echte Premiumjournalisten würden sie vermutlich einfach noch ein paar als Berichte getarnte Programmhinweise mehr bringen oder in anderen ZDF-Sendungen bereits – zumindest gefühlte – zwei- bis dreimal gezeigte Beiträge ein weiteres Mal versenden.

Darunter womöglich auch Material aus dem abendlichen Qualitätsmagazin „ZDF-Reporter“, pardon, nach Senderschreibweise natürlich „2DF.reporter“, welches stets vorgibt, ganz dicht am deutschen Alltag zu sein. Und wie und wo wäre dieser besser zu erleben als aus der Perspektive all jener Ordnungshüter, welche sich findige Kommunen landauf, landab zugelegt haben, weil man im Idealfall auf diese Posten einerseits überflüssige öffentliche Bedienstete abschieben kann, welche andererseits dank immer neuer städtischer Benimmregeln und damit verbundener saftiger Strafen mindestens ihren eigenen Arbeitsplatz finanzieren?

Kaum eine Sendung von „2DF.reporter“ vergeht, in welcher ebenjene 2DF.reporter nicht mit Kamera und Mikrophon an den Rockzipfeln der wackeren Polizistenersatze kleben, die da Untertanen zurechtweisen, welche gegen achtzehn Uhr – also mitten in der Nacht – womöglich Musik in einer Lautstärke gehört haben, die dem Nachbarn nicht gefiel; welche nach den Verursachern schlimmer Sandhaufen (ein Kubikmeter!) auf leeren, abgelegenen Parkplätzen fahnden; welche Biertrinker vertreiben, die ihr Bier nicht ordnungsgemäß in einem Gaststättenvorgarten trinken wollen (wo es dreimal soviel kostet); welche anscheinend öfters im Müll wühlen und keinen Spaß kennen mit Tabakterroristen, die es wagen, in Sichtweite einer Kinderarztpraxis zu rauchen.

Wie es sich für anspruchsvollen, kritischen Journalismus gehört, wird da nichts hinterfragt, geschweige denn die sinnbildliche Stirn gekräuselt, und die lieben Zuschauerinnen und Zuschauer müssen auch nicht fürchten, daß sie zum Nachdenken verleitet werden: Schuldig ist augenblicklich, wer von den Helden in Uniform angeklagt und dann auch gleich verurteilt wird.

So ist allen gedient: Den staatlichen Aufsehern über Sauberkeit, Ordnung und Friedhofsruhe und ihrem tapferen Einsatz zur Füllung klammer Stadtkassen, denen das ZDF ein Loblied nach dem nächsten singt. Diesem unabhängigen Medium, das mit solch perfekter Öffentlichkeitsarbeit für die Nannydiktatur und einige ihrer Vollstrecker in jeder Hinsicht billig sein Programm füllt und sich bei den Politikern beliebt macht. Und dem Zuschauer, der eine Ahnung davon bekommt, wie er auf dem Marsch in die umfassend reglementierte Zukunft immer weiter zum Zögling degradiert wird. Einzig einige Adlershofer Veteranen dürften neidvoll auf solch eine Sendung blicken, da man sich derartige Dreistigkeiten gegenüber den Untertanen beim unseligen Fernsehen der DDR nicht gewagt hat.

Beiträge wie jene in „2DF.reporter“ würde man allerdings auch auf den kommerziellen Kanälen niemals sehen. Für ein so anspruchsvolles Programm bedarf es des öffentlich-rechtlichen Qualitätsrundfunks, für den wir dann auch gern Gebühren zahlen. Sie können gar nicht hoch genug sein – so uns denn die Eintreiber von den Ordnungsämtern noch ein paar Groschen übriglassen.

 

 

 

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