Am 4. November 2008 beschäftigte sich Deutschland mit der überraschenden Meldung, daß im schönen Hessen einige Abgeordnete sehr plötzlich ihr Gewissen entdeckt hatten, die Welt blickte nach Amerika, wo ein neuer Präsident gewählt wurde, und die schwelende Finanz- und beginnende Wirtschaftskrise gab es ja auch noch.
Durch derlei Nebensächlichkeiten – zweifellos gesteuert von der durch die Tabaklobby geleiteten Weltverschwörungszentrale – wurden unsere Menschen abgelenkt von einer dringenden Warnung, einem Alarmruf, einem verzweifelten Hilfeschrei, welche Verbraucherzentrale Bundesverband und Deutsches Krebsforschungszentrum aussandten: Man hatte wieder einmal etwas entdeckt, das umgehend verboten werden müßte. Überraschenderweise war eine Studie, sicher eine wissenschaftliche, auch gleich zur Hand. Schokoladenzigaretten, soll diese besagen, brächten Kinder dazu, Rauchen als Vergnügen anzusehen. Amerikanische Wissenschaftler hätten herausgefunden, daß sich bei Zwölfjährigen, die Schokoladenzigaretten konsumierten, die Wahrscheinlichkeit, später selbst Raucher zu werden, verdoppele. Dafür seien 2005 und 2006 fast 26.000 Erwachsene befragt worden.
26.000 Erwachsene. Welche Auskunft gaben über die Frage, ob sie mit exakt zwölf Jahren Schokoladenzigaretten genossen hatten. Was freilich auch belegen könnte, daß Tabakkonsum für ein exzellentes Erinnerungsvermögen sorgt.
Aber natürlich kann derlei nicht interessieren. So wenig wie in der Nannymeldung die obligatorischen Textbausteine fehlten: „Freiwillige Regelungen wirken nicht“, nur ein Verbot gewährleiste (!) sicheren (!) Schutz (!).
Wo man schon einmal dabei war, 26.000 Menschen danach zu fragen, ob sie mit zwölf Jahren an Schokoladenzigaretten genuckelt haben, hätte man eigentlich auch gleich andere Dinge klären können: Haben Sie mit zehn Jahren an Filzstiften gelutscht? Ja? Verbieten! Haben Sie sich mit neun eine Salzstange zwischen die Finger geklemmt und so getan, als handele es sich um eine Tabakware? Verbieten! Hat man Ihnen mit acht Obstimitationen aus Marzipan zugänglich gemacht, welche Ihre Vorstellung von Früchten verdarben und Sie deshalb zu einer Fehlernährung verleiteten? Vernichten! Hat Ihre Mutter Ihnen mit sieben Fruchtsaft in einem Whiskeybecher serviert? Verhaften! Hat Ihr Vater einmal in Ihrer minderjährigen Gegenwart genußvoll Bier getrunken, den verheerenden Eindruck vermittelnd, der Konsum dieses alkoholischen Getränkes bereite ihm Freude? Verklagen! (Die Liste dürfen Sie gern fortführen, sollten Sie beispielsweise sozialdemokratische Frauenbeauftragte sein oder aus anderen Gründen nichts zu tun haben.)
Uns sind Schokoladenzigaretten als erstens ekelig und zweitens frustrierend in Erinnerung: Die Schokolade war billig und schmeckte dementsprechend nicht, schmolz aber trotzdem im Mund, wo auch das Papier drumherum aufweichte. Steckte man sich die Stäbchen zwischen die Lippen, hatte man dort also bald Schoko-Papier-Matsch. Was dann schon die einzige „Spielmöglichkeit“ war, welche Schokoladenzigaretten boten. Diese anzuzünden brachte auch nichts. Da wartete man doch lieber, bis man mit richtigen Zigaretten spielen konnte. Also so bis elf, zwölf.
Wir hatten auch gedacht, die EU (geheiligt werde ihr Name, sie führt uns ins Paradies) hätte Schokoladenzigaretten längst verboten. Doch vermutlich weil sie so unbedeutend sind, haben nicht nur die Brüsseler Nannies sie bislang übersehen. Deshalb vielen Dank für die Information, daß es die Dinger noch gibt. Man sollte sich gleich einen Vorrat anlegen. Bevor der liebe Bürgerin und Bürger auch noch Zigaretten aus Schokolade aus Polen herbeischaffen muß.
Zumal er sonst keine Sorge hat. Wer will sich noch um Gammelfleisch, explodierende Energiekosten, Datendiebstahl, Geoscoring, Pestizidrückstände, Genfraß, Telekomärger, Finanzmarktkrise oder ähnliche Kinkerlitzchen kümmern? Nein, ein überaus dringendes Problem stellt in den Augen der Verbraucherzentralen die gemeine Schokoladenzigarette dar. Und deren absolut unaufschiebbares Verbot.
Man versteht gar nicht, warum manche Bundesländer die staatliche Förderung der Verbraucherzentralen kürzen. Aber man versteht jetzt sehr gut, weshalb diese völlig überlastet sind.