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Nanny des Monats
Mai 2008: Fernsehsender „Premiere“

Als Bezahlsender doch eher eine Randerscheinung in der deutschen Medienlandschaft, setzt Du nun einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg in die Nannydiktatur: Live-Übertragungen sind bei Dir seit neuestem nicht mehr wirklich live, sondern „live“ im Sinne des chinesischen Staatsfernsehens oder der von Nannies längst umfassend gegängelten Sender in Großbritannien und den USA.

Sinnigerweise wurde diese weitere Stufe zur umfassenden Bevormundung der Untertanen, pardon: Zöglinge, ich meine natürlich: lieben Zuschauerinnen und Zuschauer auf einem Kanal erklommen, der ein Programm namens „Big Brother“ überträgt, und das auch noch rund um die Uhr. Doch nicht nur dieser kluge Bezug auf George Orwells Vision totaler Entmündigung und Überwachung qualifiziert Dich, Sender „Premiere“, für die Auszeichnung als Nanny des Monats. Auch, eine so wichtige Maßnahme wie die Abschaffung wirklicher und damit unzensierter Live-Übertragung bei einem Programm vorzunehmen, welches größtenteils Unrat versendet, zeugt von beispielhaftem Geschick.

Gilt es hier doch, wie beim anvisierten Verbot aller Genußmittel, in kleinen Schritten vorzugehen, damit sich die Zöglinge langsam, aber sehr sicher an die vielen Fesseln gewöhnen können, welche ihnen angelegt werden. Und damit ihnen nicht so auffällt, wohin die Reise geht: Wozu sich über die Zensur eines solchen Kanals aufregen? Bei einem nicht allzu wichtigen Sender? Und sollte, trotz des Charakters des zunächst betroffenen Programms, doch jemand bemerken, wo dies alles enden dürfte und dagegen gar Protest anmelden, dann verweist Du darauf, wem hier in allererster Linie das schmutzige Handwerk gelegt werden soll: Hitlergrußzeigern und Pädophilenwitzeerzählern.

Dabei vertraust Du nicht nur darauf, daß die allerdümmsten Kälber weiterhin glauben, beim Marsch in die Nannydiktatur, in den Überwachungs- und Umerziehungsstaat ginge es doch eigentlich nur um ganz vernünftige Dinge. Segensreiche Maßnahmen, welchen kein Mensch widersprechen kann – zumindest kein gesund volksempfindender. Du ignorierst auch souverän, daß Demokratie der Öffentlichkeit bedarf und eigentlich wie folgt gedacht ist: Leute benehmen sich unmöglich, die anderen sehen es, und dann gibt es Sanktionen – vom Rauswurf aus dem TV-Wohncontainer über öffentliche Verhöhnung oder Verachtung bis hin zu einer Verurteilung durch ein Gericht.

Wenn die Steine des Anstoßes aber künftig nicht mehr gezeigt werden, wie darf man sich dann das weitere Vorgehen vorstellen? Werden die Delinquenten fortan zu Unpersonen, über die man nicht mehr reden darf, die einfach so verschwinden, ohne daß man erfährt, was ihnen eigentlich vorgeworfen wird? Werden Hitlergrußzeiger, Pädophilenwitzeerzähler und andere Bösewichter und Gedankenverbrecher künftig in Geheimverfahren abgeurteilt?

Und wann schlägt der Zensor als nächstes zu? Bei zwar verfassungskonformen, doch den Senderchefs oder den Reklametreibenden ungenehmen politischen Aussagen? Bei kecken Bemerkungen, welche womöglich Werbekunden stören könnten? Gar die Konsumfreude des Glotzviehs, pardon: der lieben Zuschauerinnen und Zuschauer trüben? Oder bereits, wenn jemand raucht?

Besonders lobenswert im Sinne aller Verfechter der Nannydiktatur: Dich, Sender „Premiere“, hat – im Gegensatz zur armen BBC – keine nannyhafte Aufsichtsbehörde zu diesem Vorgehen getriezt. Du schreitest ganz freiwillig und in vorbildlich vorauseilendem Gehorsam zur Zensur.

Damit hast Du Dich empor geschwungen zum leuchtenden Beispiel für alle anderen deutschen Fernsehsender – auf dem gar nicht mehr so langen Marsch in die Nannydiktatur.

 

 

 

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