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Nannies des Monats April 2008:
Ofcom und die BBC (letztere wider Willen)

Wer seine – zumal womöglich bezahlte – Arbeit ordentlich macht, kann dafür keine Auszeichnung erwarten. Jedenfalls nicht in einem halbwegs funktionierenden Gesellschaftssystem mit vollen Läden und ohne moderne Leibeigenschaft. Professionelle Nannies sind deshalb auch vom Rennen um den hier verliehenen Titel ausgeschlossen.

Doch Ausnahmen bestätigen Regeln bekanntlich. Und sind vollauf gerechtfertigt, wenn jemand banale Anlässe an den metaphorisch dünnen Haaren herbeizerrt, um mit dieser zum Elefanten aufgeblasenen Mücke Politik zu machen. Nannypolitik, natürlich. Wenn er dabei einen Meilenstein setzt. Und andere soweit dressiert, daß diese selbst zur Nanny werden. Wie es jetzt die Medienaufsichtsbehörde Großbritanniens getan hat, des Mutterlandes aller Nannies und Schauplatzes von George Orwells „1984“. Dort rüffelten – dem Vernehmen nach erstmals – die staatlichen Sittenwächter des Office of Communications (Ofcom) die ehrwürdige BBC für Flüche von Stars.

Ja, richtig verstanden: Nicht etwa für Dinge, welche der öffentlich-rechtliche Sender selbst produziert und folglich zu verantworten hätte. Sondern für Dinge, die Rock- und Popmusiker (darunter möglicherweise Langhaarige) vor laufender Kamera sagten oder auch sangen, während der Übertragung des internationalen Benefizkonzertspektakels „LiveEarth“ am 7. Juli 2007. In nicht weniger als sechs Fällen innerhalb von gerade einmal zwölf Stunden seien „höchst anstößige Wörter“ benutzt worden. Für welche sich die BBC zwar entschuldigt habe, in einigen Fällen jedoch erst mit nennenswerter Verzögerung – einmal von sage und schreibe 26 Minuten! Und natürlich führt man, wie jede geübte Nanny, als ein ganz wesentliches Argument für die Zensur, äh, Umerziehung, ach, Weltverbesserung und universelle Säuberung an: den Jugendschutz. Da haben Kinder zugesehen. Ja, man muß doch mal an die Kinder denken!

Auf elf dicht beschriebenen Seiten (nachzulesen unter http://www.ofcom.org.uk/tv/obb/ocsc_adjud/liveearth.pdf) erläutern die von der Obrigkeit eingesetzten Aufseher, den „ernsthaften“ und „wiederholten“ Verstoß gegen diese und jene Regeln (gerade mal zwei Jahre zuvor war bei „Live8“ nämlich ähnliches geschehen) und das Strafverfahren, welches durchgeführt worden sei auf Grund von Zuschauerbeschwerden. Und wie viele Zuschauer hatten sich, laut Ofcom, über die vorschriftswidrige „höchst anstößige Sprache“ beschwert? Zweiundzwanzig.

In Anbetracht dieses beeindruckenden Proteststurms, welcher die gesamte Nation erschüttert hat, verurteilte Ofcom die BBC dazu, die amtliche Rüge an festgelegter Stelle zu senden. Und machte auch gleich deutlich, wie die so ungezogene und deshalb völlig zu recht ausgeschimpfte BBC weiteren Maßregelungen der Nannybehörde entgehen könnte: Der Sender solle sich gefälligst selbst als ordentliche Nanny betätigen und, damit im Fluchfalle der Zensor eingreifen könne, die Live-Sendungen künftig nicht mehr wirklich live, sondern mit geringer Verzögerung ausstrahlen.

Wie in China. Oder im Iran. Oder … (setzen Sie hier bitte den Namen eines anderen demokratischen Musterlandes ein)

In Wahrheit wissen wir natürlich, woher der Wind weht. Will meinen: Diese plötzliche Empfindlichkeit kommt. Weshalb mit einem Mal erfolgreich der Gebrauch schlimmer Ausdrücke gepetzt und von der Obrigkeit geahndet wird. Mit Verweis auf 22 ehrenwerte Damen und Herren, die an Wörtern Anstoß nahmen. Genauer gesagt: Am berühmten englischen „F-Wort“. Nicht etwa 1958 oder 1968. Nicht 1978 oder 1988. Sondern im Jahre des Herrn 2008.

Ja, auch noch in seinem unübersehbaren, da immer rasanteren Niedergang beweist es wahre Größe, indem es ihm gelingt, seinen Geist in aller Welt zu verströmen: Das kulturell höchstentwickelte Land des Erdballs (der in Wahrheit, nach Ansicht mancher Insassen dieses Landes, womöglich eine Scheibe ist). Mit den in jeder Hinsicht gesündesten und schlanksten Bewohnern. Der Hort von Freiheit und Demokratie, tolerant und aufgeschlossen, der fruchtbaren Diskussion stets verpflichtet und fern aller ideologischen Verbohrtheit, wo jeder nach seiner Façon selig werden und das Glück erstreben kann. Das Land der Friedfertigen, wo niemand auf die Idee käme, Waffen zu horten, und äußerst gewalttätige Amokläufe nicht zum Alltag gehören. Wo tief empfundene Frömmigkeit umfassende Mildtätigkeit, Nächstenliebe und Vergebung bewirkt, wo Scheinheiligkeit, Selbstgerechtigkeit, Hoffart Fremdworte sind. Mit minimalen Verbrechensraten, einem vorbildlichen Justizsystem, sozialer Gerechtigkeit, wohin man blickt, einem exzellenten Gesundheitswesen – bezahlbar für jedermann –, einem brillanten Bildungssystem, ausgeglichenen Staatshaushalt und mit umsichtiger, bestechend erfolgreicher Kriegsführung, wenn es denn – ausnahmsweise – wirklich mal notwendig werden sollte, irgendwo Gewalt anzuwenden. Das Land, das überall in der Welt geliebt wird wie kein zweites. Weshalb dort nennenswerte Teile der Bevölkerung auch keine anderen Sorgen und nichts Besseres zu tun haben, als in den Medien nach irgendwelchen Wörtern zu suchen, welche ihre zarten Gemüter verletzen könnten. Und wenn diese gerade nicht in erhofftem Maße vorhanden sein sollten, sich auch zufrieden geben mit sekundenlang aufblitzenden weiblichen Brustwarzen.

Oh ja, dies Land möge uns ein leuchtendes Vorbild sein. Denn es führt uns ins Paradies. Oder wenigstens dahin, daß man demnächst auch im alten Europa im Fernsehen nicht mehr „Scheiße“ sagen darf.

 

 

 

 

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