Nanny des Monats
Dezember 2007: Jürgen Rehm
Eigentlich hieß es bislang immer, der Pro-Kopf-Verbrauch an Bier sei in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland rapide gesunken, was den Brauereien arge Sorgen bereite. Eigentlich hieß es bislang immer, der Umsatz an Mineralwasser steige in Deutschland auf immer neue Rekordhöhen. Eigentlich ist das, äh, enge Verhältnis der Russen zu gewissen alkoholischen Getränken weithin bekannt. Wobei man natürlich auch wissen kann, daß Whisky in Schottland zu den Nationalheiligtümern gehört. Eigentlich hat man kaum jemals davon gehört, daß Mund- und Speiseröhrenkrebs zu den großen Volkskrankheiten gehören. Oder zumindest zu den häufigsten Krebsarten. Nicht einmal in Gegenden mit ausgeprägter Weinkultur wie rund um den Rhein.
Aber was interessiert manch wackeren Journalisten, was er gestern so alles zusammenberichtet hat?
Und so durften wir Mitte November erfahren, die Deutschen hielten einen gar traurigen Rekord: Sie seien Europameister im Saufen! Kein anderes Volk auf dem alten Kontinent verbrauche pro Kopf so viel Alkohol wie wir. Sagte, nein, nicht das Statistische Bundesamt oder die Gesellschaft für Konsumforschung, sondern die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Sie, Herr Jürgen Rehm, der uns vorgestellt wurde als Leiter des Dresdner Instituts für klinische Psychologie (!) und Psychotherapie (!), ließen sich dabei vernehmen: „Die Folgen des hohen Konsums seien verheerend. So stiegen die Risiken für Krebserkrankungen ab einer täglichen Dosis von 10 bis 12 Gramm bei Frauen und 20 bis 24 Gramm Alkohol pro Tag bei Männern erheblich. Diese Dosis entspreche einer Menge von einem beziehungsweise zwei Gläsern Rotwein. Bei einer Flasche Wein am Tag sei das Risiko, an Mund- oder Speiseröhrenkrebs zu erkranken, 18 Mal so hoch wie gewöhnlich. Würden zudem noch Zigaretten geraucht, steigt das Risiko laut DHS auf einen Faktor von 44.“ Und, so möchte man ergänzen, wenn man dazu auch noch Kaffee trinkt, fällt man auf der Stelle tot um. (Immer schön die nächsten Umerziehungskampagnen im Hinterkopf haben!)
Sie, Herr Jürgen Rehm, wußten auch, wie wir gerettet werden können: Der Alkohol muß teurer werden. Der Alkoholverkauf muß generell eingeschränkt werden. Und die Alkoholwerbung gleich ganz verboten.
Und wer vereitelt die Behebung der Not von Volk und Staat (die enormen volkswirtschaftlichen Schäden zu erwähnen wurde selbstverständlich nicht vergessen)? Richtig geraten: die böse Alkohollobby! Die teuflische Alkoholindustrie!
Denn natürlich wird hier nicht, ganz unverhüllt, da offenkundig seiner Sache sehr sicher, nach genau dem gleichen Muster verfahren, welches wir von der Hexenjagd auf die Raucher kennen: Erst mit immer neuen, immer alarmierenderen Ergebnissen von Studien (natürlich wissenschaftlichen) das Fundament für die Hysterie legen. Dann verbreiten, daß der bis dato recht harmlose Genuß des einen oder anderen Glases Wein eine enorme, akute, absolut tödliche Bedrohung nicht nur für den Einzelnen, sondern für das Heil von Volk, Nation, Umwelt, die gesamte Menschheit und den Globus darstellt. Als nächstes einen Dreh finden, wie man die beabsichtigte Umerziehung und daraus folgende Treibjagd auf die Anhänger des Genußmittels harmlos verpacken kann: Nichtraucherschutz, Jugendschutz usw. Berichte in den absolut objektiven Medien begleiten dies, wobei stets die Wunschvorstellungen als Tatsachen verkauft werden. Motto: Alkoholtrinken ist nicht mehr gesellschaftsfähig, Alkoholtrinker werden geächtet, Alkoholtrinken ist völlig aus der Mode gekommen. Am Ende stehen dann Verbote: Verbot der Alkoholwerbung. Verbot des Alkoholausschanks in der Nähe von Schulen. Verbot des Alkoholverkaufs außer in staatlichen Läden. Verbot des Alkoholgenusses für öffentlich Bedienstete. Verbot des positiven Redens über Alkohol. Verbot, Verbot, Verbot, Verbot, Verbot. Und natürlich Warnhinweise, die auf mindestens fünfzig Prozent der Fläche eines jeden Weinetikettes darüber aufklären, daß Alkohol betrunken machen kann.
Nein, natürlich ist es nicht so, daß hier die nächste Hexenjagd nach dem gleichen Muster angeleiert wird. Aber dennoch werden gern Wetten angenommen: Werden zunächst die enorme Gefahren des Passivtrinkens festgestellt? Oder beginnt schon zuvor die Kampagne gegen den Kaffee?
Und es ist auch nicht schon wieder der nächste Superschurke ausgemacht: Die diabolische Alkoholindustrie, welche die Menschen zu willenlosen Marionetten ihrer Profitgier und anderer finsterer Machenschaften mache.
Und wann verklagt der erste Mundkrebskranke die Alkoholindustrie auf Schadenersatz? Ersatzweise, falls sich dafür keiner finden ließe, der erste sechzigjährige Bierbauchträger, welcher sich darüber beschwert, daß ihm verheimlicht wurde, daß Bier betrunken machen kann?
Da freut man sich schon auf die nicht nur rauch-, sondern auch alkohol-, tabak-, fett- und zuckerfreie Kneipe. In der selbstverständlich nur gedämpfte Musik gespielt werden darf. Sonst muß der Staat eingreifen. Und alles verteuern.
Und Sie, Herr Jürgen Rehm, dürfen sagen: Ich bin dabei gewesen beim Kreuzzug der Nannies gegen alle, die Spaß haben (selbst wenn dieser ungesund sein könnte).