Nanny des Monats
November 2007: Barbara Loth
Den Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf, in welchem Sie als Stadträtin für Wirtschaft, Gesundheit und Verkehr fungieren, haben Sie ganz weit nach vorn gebracht: Den Rosengarten am Bernkastler Platz erklärten Sie zum ersten alkoholfreien Park der Hauptstadt – und das, wo es sich bei diesem „Park“ um eine doch eher bescheidene Grünanlage handelt, welche außerhalb des engsten Umkreises denn auch so gut wie unbekannt ist.
Die ganze Größe und Kühnheit Ihres Handelns wird erst deutlich, wenn man sich die Alternative vor Augen führt. Sie hätten einfach sagen können: Ja, wir haben da ein Problem mit Trinkern, die pöbeln herum, machen Lärm und Dreck, und dann sind unter diesen Schluckspechten auch noch Kinder und Jugendliche. Da schicken wir mal Sozialarbeiter hin, machen auch Angebote in Form von Treffpunkten, Freizeitbeschäftigungen, Unterkünften, und damit wir eine weitere Handhabe gegen die Störenfriede haben, verhängen wir ein Alkoholkonsumverbot für die Grünanlage. Welches wir natürlich nur durchzusetzen versuchen, wenn uns gegen die Säufer sonst gar nichts mehr einfällt.
Aber das wäre ja vernünftige Politik gewesen, an einer Problemlösung orientiert, mit Augenmaß!
Ganz auf der Höhe der Zeit, die schnurstracks in die Nannydiktatur marschiert, nehmen Sie das ganze lieber als Vorwand. Nicht nur für Handeln, weil wirklich effektives Handeln an Ihren beschränkten Möglichkeiten scheitert. Den finanziellen, natürlich. Sondern um mit Verweis auf den wahrhaft beklagenswerten Mißbrauch von Genußmitteln deren Konsum generell zu verteufeln. Um mit einzustimmen in das große Halali, welches seit Monaten immer lauter geblasen wird – nachdem die Raucher fast erlegt sind, werden nun ja die Freunde des Alkohols gejagt. Erstmal medial, aber zur Not auch schon aus dem Park. Wehe der Oma, die auf einer Bank in Ihrem alkoholfreien Park sich an einer Weinbrandbohne berauscht! Was natürlich schon deshalb unwahrscheinlich ist, weil die Bänke in den öffentlichen Grünanlagen immer weniger werden – nicht zuletzt dank Ihrer Partei, der SPD, die in Berlin seit 1989 ununterbrochen (mit-) regiert, steht für die Pflege von Parks, Plätzen, Brunnen ja kaum mehr Geld zur Verfügung. Oder für Schwimmbäder, Spielplätze, Sportplätze, Kultur, Jugendförderung, Sozialarbeiter, das ganze Gedöns (um einen Ihrer zahlreichen Ex-Parteivorsitzenden zu zitieren). Nicht einmal für Personal, um all die neuen Verbote, mit denen wir mittlerweile im gefühlten Monatsrhythmus beglückt werden, auch durchzusetzen. Wenn Polizei und Ordnungsamt jetzt öfter in Ihrem alkoholfreien Park vorbeischauen sollen, sinkt natürlich das Überwachungsniveau anderer Orte. Oder gar, oh Schreck, die Zahl der lukrativen Strafzettel. (Das gibt dann wieder Ärger mit dem Rechnungshof.)
Ihr Charlottenburg-Wilmersdorfer Kollege Gröhler, unsere Nanny des Monats Juli, betrachtet Ihr Verhalten offenkundig ebenfalls als vorbildlich – oder fürchtet er nur, Sie könnten ihm den Rang ablaufen? Jedenfalls verbot er nun auf sämtlichen Spielplätzen in seinem Bezirk nach dem Rauchen und diversen anderen Dingen (die schlimmstenfalls Spaß machen könnten) auch den Alkoholkonsum.
Natürlich verkaufte auch er das Aufstellen eines Schildes bzw. das Anbringen eines Aufklebers bzw. die bloße Verhängung eines Verbots vor der zusammengetrommelten Presse als unglaublich wirkungsvolle Maßnahme und riesigen Gewinn für die lieben Bürgerinnen und Bürger. Dabei stehen seine Chancen, daß alles gut wird, viel schlechter als Ihre. Man sollte eben nicht alles Pulver auf einmal verschießen, sondern lieber die gute alte Salamitaktik anwenden. Denn vielleicht treffen sich die vom Bernkastler Platz vertriebenen Trinker fortan einfach woanders. Womöglich wieder in einer Grünanlage. Die könnten Sie, verehrte Frau Stadträtin, dann zum nächsten alkoholfreien Park erklären. Und da Steglitz-Zehlendorf ja einige Grünflächen hat – wenn auch zunehmend verwahrloste –, dürfte es Ihnen schon gelingen, sich damit bis zur nächsten Wahl zu retten: Mit Politiksimulation in wahrhaft beispielhafter Form!