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Nanny des Monats
Mai 2007: Ursula von der Leyen

Kinder sind, einer Kalenderweisheit zufolge, Zukunft. Und Sie, sehr verehrte Frau Ministerin, haben im letzten Monat gezeigt, daß Sie, Ihrem Amte gemäß, bereits einen Schritt weiter sind als andere. Wo diese noch beim Kreuzzug gegen das Rauchen verharren, haben Sie sich bereits dem nächsten Politik-Ersatz angeschlossen: dem nicht minder hysterischen Kampf gegen den Alkohol. Was bei der Verteufelung des Tabaks das Passivrauchen, das sind bei der Hexenjagd auf den Fusel betrunkene Jugendliche. Die natürlich nur rein zufällig in den letzten Wochen in einem Maße durch die Medien geistern, daß man sich fragt, wie es bloß sein kann, daß Schulen und Lehrstellen (so vorhanden) nicht jeden Montag bundesweit verwaist sind.

Wo so lautstark zum Sturm geblasen wird, da konnten selbstverständlich auch Sie, Frau Ministerin, nicht abseits stehen und gaben zum Besten, was man eben so redet, wenn man so tut, als würde man etwas tun. Als Politikerdarsteller im allgemeinen und gegen Alkoholmißbrauch im besonderen: Alkohol, so diktierten sie der Journaille in die Tastaturen, sollte für Minderjährige fürderhin verboten sein. Und nebenher hätten auch Eltern abstinent zu leben – des guten Vorbildes wegen.

Ja, auch das kennen wir: Rauchen solle keineswegs verboten werden, wird uns da treuherzig erzählt. Selbstverständlich dürfe der freie Bürger auch weiterhin diesem Laster frönen. Außer – und dann folgt eine lange Liste, die nahezu jeden, auch nur im entferntesten denkbaren Ort umfaßt. Geschlossene Räume sowieso. Aber auch solche unter freiem Himmel wie Stadien, Spielplätze, Freibäder, Strände, Bahnhöfe. Und wenn es nach den eifrigsten Lungenrettern geht, selbst schon die Privaträume. Erst recht wenn Kinder anwesend sind. Oder zuschauen.

Beim Trinken versuchen sie jetzt den gleichen Dreh. Man muß doch mal an die Kinder denken!

Zumal die Strategie auch sonst die alte ist.

Gerade Jugendliche kann man ja von irgendeiner Sache nicht wirkungsvoller abbringen, als wenn man selbige mit möglichst viel Geschrei tabuisiert und dann auch noch zum Symbol des Erwachsenseins macht. Nicht wahr?

Und den verantwortungsvollen Umgang mit einem Genußmittel wie Alkohol bringt man dem Nachwuchs natürlich am besten bei, wenn er sich diesem keine Sekunde früher nähern darf als an seinem achtzehnten Geburtstag, null Uhr. Die lieben Kleinen werden sich dann keinesfalls wie blöde besaufen, sobald Sie, verehrte Frau Ministerin, und Ihre Mit-Nannies es ihnen erlauben. Und endlich offiziell erwachsen, werden sich die Sprößlinge dem Alkohol mit jener Vorsicht und Furcht nähern, welche ihnen in vielen, vielen Jahren eingehämmert worden ist.

Natürlich ist es nicht sinnvoll, jüngere Teenager vielleicht mal vom Bier nippen zu lassen – damit sie feststellen können, daß es ihnen nicht schmeckt. Natürlich ist es nicht sinnvoll, einen Vierzehnjährigen vielleicht mal ein Glas Wein trinken zu lassen – EINS, damit er lernt, was verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol ist. Und ihm zu erklären, daß er auch deshalb kein zweites bekommt, weil Alkohol in größeren Mengen für Heranwachsende noch schädlicher ist als für Erwachsene. Natürlich ist es nicht sinnvoll, auch Sechzehn- oder Siebzehnjährige mit einem Glas Sekt anstoßen zu lassen (Staatliches Eingreifen ist dringend erforderlich bei Tausenden von Konfirmations- und Jugendweihefeiern, Frau Ministerin!) – und erst die Stirn zu kräuseln und ein erzieherisches Gespräch anzustreben, wenn diesem einen Glas zwei, drei weitere folgen und der Nachwuchs am Ende womöglich ganze Flaschen leert. Natürlich ist es nicht sinnvoll, Teenagern auch mal einen Schnaps auszugeben – damit sie merken, wie unangenehm Hochprozentiges brennt, statt den Fusel zum großen Mysterium aufzublasen.

Nein, das Beste ist es, selbst die Weinbrandbohnen vor seiner siebzehnjährigen Tochter zu verstecken. Und natürlich die Rotweincreme, die Erwachsene zum Nachtisch löffeln dürfen. Und das frische Weißbrot – denn daß dieses so gut schmeckt, soll ja nicht zuletzt daran liegen, daß darin ein Hauch Alkohol enthalten ist. Und nach Meinung der üblichen Hysteriker, pardon: Suchtexperten legt allein schon dieser Hauch den Grundstein zu einer Alkoholikerkarriere. (Selbstredend darf man niemals fragen, warum bei dieser immensen Gefahr nicht nahezu hundert Prozent der Bevölkerung alkoholkrank sind.)

Alle Erfahrungen aus Ländern, in denen man schon jetzt (und seit langem) ganz nannyhaft streng mit Alkohol für unter Dreißigjährige verfährt, zeigen, wie sinnvoll eine solche Politik ist.

Sinnvoll, wenn man dafür sorgen will, daß das Saufen für Minderjährige so richtig attraktiv wird, maßloses Saufen, Saufen nur um seiner selbst willen – wie es Alltag ist in Skandinavien oder in den USA.

Da kann man wirklich nur gratulieren, verehrte Frau Ministerin: Wer eine Strategie wie Sie verfolgt, der trägt mit dieser wesentlich dazu bei, jene Probleme erst zu schaffen, bei deren Bekämpfung er sich dann groß aufspielen kann. Das ist Nannypolitik in Vollendung.

 

 

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