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Wieviel Schaden könnte dieser deutsche, augenscheinlich von der Tabakindustrie versklavte Betriebselektriker anrichten, hätte er seinen Arbeitsplatz noch! (Bild: filmproduktion loekenfranke)

 

Die alten Ausländer

Seit geraumer Zeit wandert durch die deutschen Kinos die Dokumentation „Losers and Winners“. (www.losers-and-winners.net)

Sie schildert die Demontage der Kokerei „Kaiserstuhl“ im Ruhrgebiet, die einst als die modernste der Welt galt. Nach nur wenigen Jahren Betriebszeit stillgelegt, wurde sie nach China verkauft.

Der Abbau der Anlage zeigt das Aufeinandertreffen von Spät- und Frühkapitalismus. Einerseits betagte deutsche Arbeiter, die als Kontaktleute das endgültige Verschwinden ihres einstigen Arbeitsplatzes aus Europa mitabwickeln sollen. Andererseits chinesische Arbeiter, die in Windeseile und mit großem Einsatz den riesigen Betrieb auseinandernehmen und versandfertig machen.

Die Filmemacher Ulrike Franke und Michael Loeken verschweigen nicht den hohen Preis des Turbokapitalismus hinter der tapfer aufrecht erhaltenen kommunistischen Fassade. Allerdings betrübt es die Leitung der Demontagefirma vor allem aus einem Grund, daß die vertraglich festgelegte Obergrenze von sieben Schwerverletzten je tausend Beschäftigte deutlich überschritten wurde: Dadurch verfällt eine Kaution in Höhe von mehreren hundert (!) Euro.

Damit im Zusammenhang steht jener Themenkomplex, der in der Kommunikation zwischen den Deutschen und den Chinesen den größten Raum einzunehmen scheint: Vorschriften. Deutsche Vorschriften. Über Umweltschutz, Arbeitsschutz, Schweißgenehmigungen und und und.

Die Chinesen nehmen diese Regeln zur Kenntnis. Und tun dann damit, was man eben so tut mit Vorschriften, von denen man meint, daß sie einem im Wege stehen. Ausschließlich im Wege stehen: So schilt ein Vorgesetzter seine Untergebenen, daß sie etwas nicht ganz Korrektes getan hätten, als sich „die alten Ausländer“ näherten. „Die alten Ausländer“, so nennen die Chinesen, mit gelinder Süffisanz, die deutschen Arbeiter. Von denen man doch wisse: Nach siebzehn Uhr seien sie nicht mehr da. Also sollte man sich gewisse Arbeiten für diese Zeit des Tages aufheben.

Die Chinesen sind leistungswillig, opferbereit, hungrig, halten das – bisweilen offenbar buchstäblich – mörderische Arbeitstempo. Wenn sie von Deutschland sprechen, dann in der Regel mit einer Bewunderung, welche aufrichtig wirkt. Und die gelegentlich nicht des Hinweises entbehrt, Deutschland müsse aufpassen, daß es seine technologische Spitzenstellung bewahren könne.

Wenn der vor Ort oberste Chinese in seinem Büro sitzt und spricht, qualmt dabei meist eine Zigarette. Wenn die chinesischen Arbeiter im Gemeinschaftsraum fernsehen oder wenn sie ihr Neujahr feiern, wird dabei ausgiebig geraucht. All diese schwer arbeitenden Männer scheinen sich ganz gern mit einer Zigarette zu entspannen.

Was wohl die Chinesen denken und sagen werden, wenn man sie in Kürze belehrt, daß Rauchen am Arbeitsplatz oder in Gemeinschaftsräumen (zudem nicht hermetisch abgeschlossenen) in Deutschland strengstens verboten ist? Und was sie dann wohl tun werden?

„Losers and Winners“ zeigt eben, an Hand eines kleinen, aber bezeichnenden Ausschnitts, ein Volk, eine Gesellschaft, eine Kultur im Auf- und eine im Abstieg.

Wer was ist, darüber kann es keinen Zweifel geben. Erfährt man doch auf deutschen Zigarettenschachteln seit einigen Jahren, Rauchen schädige die Spematozoen und schränke die Fruchtbarkeit ein. Weshalb die unbekümmert qualmenden Chinesen bekanntlich vom Aussterben bedroht sind (viele Paare dort sollen nur noch ein Kind zustande bringen). Derweil es im für die Gefahren der Nikotinsucht sensibilisierten Europa eine kräftig wachsende Nation neben der anderen gibt.

Und wenn wir in Deutschland irgendetwas wirklich und ganz, ganz dringend brauchen – auch, um zukunftsfähig zu sein –, dann noch ein paar Vorschriften und Verbote mehr.

 

 

! – Über die Straße gehen kann tödlich sein. Fangen Sie besser gar nicht erst damit an.

 

 

 

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