Die Wirklichkeit
Manches in der Bundesrepublik erscheint den Menschen zunehmend seltsam und verwirrend. Es wird klarer, wenn man sich verdeutlicht: Unsere Politiker leben nicht mit und schon gar nicht unter uns. Sondern in einem Paralleluniversum, welches mit der Wirklichkeit nur noch stellenweise Berührung hat.
Auch die Rolle ihrer Claqueure in den Medien kann man an Hand von Platos berühmtem Höhlengleichnis beschreiben: Letztere reden den Gefesselten fortwährend ein, daß jene Schatten der Welt, die sie sehen, die Realität sind. Wobei das Dilemma dadurch noch wesentlich verschärft wird, daß die Überbringer der falschen Botschaften zur Erzeugung der Schattenbilder beitragen.
So beschließen die Gefesselten, pardon: die Bewohner des Paralleluniversums, denn Maßnahmen, die teils unsinnig sind und teils sinnlos. Letzteres, da sie eher das Gegenteil des Gewünschten bewirken dürften. Was einem freilich die willkommene Gelegenheit bietet, erneut in Aktionismus zu verfallen. Und so zu tun, als würde man irgendetwas tun.
So feiert man denn enorme Erfolge im Nichtraucherschutz, im Kampf gegen das Rauchen, jubelt, wie weit man diese Unsitte schon aus der Öffentlichkeit verbannt habe, wie unanständig der Tabakgenuß geworden wäre, wie der Zigarettenumsatz sinke und die Zahl der Raucher schrumpfe. Eine Siegesmeldung nach der nächsten, ergänzt von unausgesetzter Aufklärung über die Gefahren des Rauchens. Gelegentlich einzig unterbrochen von ebenso aufgeregten wie empörten Enthüllungsberichten darüber, wie die teuflische Tabakindustrie die Medien fest im Griff habe. Und erst die Politik. Weshalb die Zahl der Tabakopfer steige und steige. Und der Kampf verschärft werden müsse.
In der Wirklichkeit sinkt zwar die Zahl der offiziell verkauften Zigaretten. Dafür steigt wohl jene der unversteuerten, also illegal verkauften, die folglich in keiner Statistik enthalten sind. Und heutige junge Leute scheinen für den traditionellen Glimmstengel ohnehin nicht mehr soviel übrig zu haben wie frühere Generationen – sie kiffen lieber oder greifen zur Wasserpfeife (letztere eine wahre Nikotinbombe, wie man hört).
In der Wirklichkeit überlegen Menschen, die noch nie geraucht haben, dank der neuesten Maßnahmen des Nichtraucherschutzes damit anzufangen. Denn die allermeisten ihrer Kollegen treffen sich, gezwungenermaßen, nun draußen, auf der Straße oder im Hof, zum Tabakgenuß. Und was sie dort besprechen, über wen sie da herziehen, das kriegt nicht mit, wer in seinem Nichtraucherrefugium bleibt.
In der Wirklichkeit wurden nach der Verhängung des Rauchverbots an Schulen, für das sich die Politikerdarsteller gar nicht genug auf die eigene Schulter klopfen konnten, vor mancher Bildungseinrichtung Eimer aufgestellt. Begegnen einander doch seither, direkt an der Grundstücksgrenze (oder, je nach Hysteriegrad des örtlichen Umerziehungsversuches, ein paar Meter weiter), Schüler und Lehrer in nie gekannter Eintracht. Und die Schule könnte Ärger bekommen mit der Straßenreinigung wegen der ganzen Kippen, die nun auf dem Bürgersteig landen. Was natürlich auch völlig illegal ist.
In der Wirklichkeit kann man ein Comeback eines traditionellen Raucherraumes erleben: der Toilette. Wer bisher beispielsweise bei der Bahn schon herumjammerte, aus dem Raucherabteil zöge der ganze Qualm herüber – hüstel, hüstel –, verkneift sich heute besser jedes nicht ganz so dringende Bedürfnis. Zumal das Klo dauernd von Tabakjüngern blockiert wird.
In der Wirklichkeit kämpfen viele Kinos um ihr Überleben, weil es viel billiger ist, sich eine DVD zu besorgen. Und wenn man diese nicht nur geliehen hat, kann man sie sogar weiterverkaufen. Den Film sieht man dann, allein oder mit lieben Menschen, doch kaum mit Wildfremden, auf seinem Riesenbildschirm, womöglich mit ebenso monströsem Lautsprechersystem, ungestört, kann essen, trinken oder tun, was man sonst so will. Sogar rauchen. Was inzwischen nicht einmal mehr im Foyer eines Kinos erlaubt ist.
In der Wirklichkeit findet man kaum noch Zigarettenwerbung, in der die aufgezwungenen Warnhinweise auf der Packung versteckt oder relativiert werden sollen. Im Gegenteil: „Rauchen kann tödlich sein“ springt einem ins Auge. Wodurch suggeriert wird: Rauchen ist nur etwas für hartgesottene Zeitgenossen. Für Persönlichkeiten, die der Gefahr furchtlos ins Auge blicken. Für mutige Männer, toughe Frauen, individualistische, selbstbewußte Freigeister, die sich von den „Du, du, du“-Belehrungen der Nannies nicht vorschreiben lassen wollen, wie sie ihr Leben gestalten.
In der Wirklichkeit scheinen Kräuterzigaretten groß im Kommen. „Kräuter“, das klingt so gesund und natürlich. Man kann schon darauf warten, daß die ersten Bio-Kräuterzigaretten auf den Markt gebracht werden. Und dann gibt es solche Glimmstengel sogar in der Apotheke. Sollen sie doch dabei helfen, vom Rauchen loszukommen. Dummerweise enthalten sie, bis auf das Nikotin, wohl mindestens genauso viele Schadstoffe wie normale Zigaretten. Und wer sie einmal gerochen hat, der weiß: Die mögliche Belästigung durch Tabakqualm ist nichts dagegen.
In der Wirklichkeit kämpften manche Lokale, insbesondere Kneipen, schon vor der jüngsten Nannygesetzgebung ums Überleben – und zwar nicht etwa, weil die vielen Nichtraucher zu Hause geblieben wären, welche sich nicht den tödlichen Gefahren des Passivrauchens aussetzen mochten (verursacht durch, wenn man den Medien glauben darf, eine verschwindend geringe Zahl von Rauchern, die stündlich weiter schrumpft). Die einstigen Kneipengänger blieben daheim, wo sie via Computer alte Bekanntschaften pflegen und neue schließen. Und dabei saufen und qualmen soviel sie wollen.
In der Wirklichkeit klinkt sich eine wachsende Zahl gerade des Nachwuchses täglich für Stunden aus der Realität aus und lebt lieber, am Rechner, manch Second Life. Weil jene Herrschaften, die in diesem Lande Politiker spielen dürfen, das Leben in diesem Lande so attraktiv gemacht haben, daß man es vorzieht, in eine Kunstwelt zu flüchten? Den Konsum von Genußmitteln zu verbieten, wird dem zweifelsohne massiv entgegenwirken.
Zumindest im Paralleluniversum unserer Politiker und vieler Medien.
! – Denken fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu.