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Nanny des Monats
Juli 2009: Günter Neubauer

Als Direktor des Münchner „Instituts für Gesundheitsökonomik“ unterstützen Sie die Forderung des Präsidenten der Bundesärztekammer, für medizinische Behandlungen einer Prioritätenliste einzuführen, und gewährten – um für die Rationierung medizinischer Leistungen weiter zu trommeln – tagesschau.de ein Interview. Dort gaben Sie beispielsweise zum Besten: „Ein übergewichtiger Mensch sollte seine [künstliche] Hüfte erst erhalten, wenn er auf Normalgewicht kommt, weil dann diese Hüfte länger hält und er sich in dieser Form indirekt beteiligt. Zugleich ist dies eine Warnung an andere Übergewichtige, nicht erst alles in sich hineinzufuttern und die negativen Folgen von anderen finanzieren zu lassen.“ Und: „Die Übergewichtigen würden in einer privaten Versicherung höhere Beiträge zu zahlen haben. Denn sie belasten durch ihr Übergewicht die Versichertengemeinschaft stärker. In der Solidargemeinschaft zahlen die Übergewichtigen aber in der Regel niedrigere Beiträge, weil meist auch ihr Einkommen niedriger ist. Von daher ist das Gefühl der Gerechtigkeit auch von der anderen Seite zu sehen: Der Beitragszahler, der jeden Morgen aufsteht und joggt, um sein Gewicht zu halten, wird es als äußerst ungerecht empfinden, dass neben ihm jemand erst um 8 Uhr aufsteht, bis 10 Uhr futtert, Übergewicht hat und dann eine Hüfte braucht, für die er mitzahlen muss.“

Das ist ein schönes Beispiel für Ökonomik auf so vielen Gebieten: Ökonomischer Umgang mit Solidarität, Mitgefühl, Demokratieverständnis, und erst recht ein ungeheuer ökonomischer Umgang mit dem Denken.

Denn eigentlich hat das „Alle kriegen alles, egal wie sie sich benehmen und ob sie an ihrer Bedürftigkeit irgendwie eine Mitschuld tragen könnten“ auch etwas mit Ökonomie zu tun. Sieht der Zeitgenosse, der seine Intelligenz nicht ganz so ökonomisch sparsam einsetzt, sie doch schon vor seinem geistigen Auge: All die neuen Kommissionen und Ausschüsse, welche in langen Sitzungen (für die es natürlich nur ganz wenig Aufwandsentschädigung gibt) darüber befinden, was alles in welchem Maße mitverschuldet ist und deshalb wie angerechnet werden müßte. Oder ob nicht zum Beispiel schön viele Leute ohne Zähne im Mund ein überaus hilfreiches Mittel wären, um als abschreckende Beispiele die anderen Mitglieder der Volkszöglingsgemeinschaft zum Zähneputzen anzuregen. Da braucht es dann nicht mal mehr die Pflicht, ein Schild um den Hals zu tragen, mit der Aufschrift: „Ich habe die Volkswirtschaft geschädigt durch mein unverantwortliches Verhalten.“

Man könnte auch fragen, weshalb einem sonst dauernd erzählt wird, Joggen mache soviel Spaß, also eigentlich übten dies die Betroffenen nur zum eigenen Vergnügen aus. Oder wie gerecht es ist, wenn die Unsportlichen die dauernden Verletzungen und Langzeitschäden irgendwelcher Sportskanonen mitbezahlen. Von Extremsportlern, Muskelaufbausüchtigen oder Motorradfahrern ganz zu schweigen.

Natürlich wissen Sie, Herr Neubauer, dies alles. Wie Sie auch die Grundidee jenes Vertrages kennen, den Sie und Ihre neoliberalen Gesinnungsgenossen so gern aufkündigen möchten: Die einen belasten die Krankenversicherung eben durch dieses Verhalten, die anderen durch jenes, so gleicht sich alles aus. Und die dritten entlasten die Rentenversicherung, weil sie früher sterben – die schlimmen Raucher zum Beispiel, die für ihr Verhalten trotzdem sogar noch beschimpft werden.

Aber sicher denken Sie und die anderen, identisch tönenden Lobbyisten, ja nicht daran, wie viele schöne neue Posten und Funktionen und Nebenverdienstmöglichkeiten in all den neuen Gremien entstehen werden. Und natürlich geht es Ihnen nicht um die allmähliche, schrittweise, schleichende Abschaffung der öffentlichen Sozialversicherung – mit derselben Salamitaktik, mit der alle Nannies die Menschen zu entmündigen versuchen: Teile und herrsche und vertraue vor allem darauf, daß die meisten Opfer deiner Politik zu dämlich sind, zu bemerken was da vor sich geht. Daß sie denken: Das betrifft mich ja nicht. Sich vielleicht sogar freuen, wenn es anderen an den Kragen geht. Bis sie selbst dran sind. Und etwa der Dicke, der „bis 10 Uhr futtert“, es ganz richtig findet, wenn der Jogger von nebenan seine Hautkrebsbehandlung nicht bezahlt bekommt. Denn womöglich hat der Typ seinen Sport in der Sonne getrieben, ohne ausreichenden Schutz.

 

 

 

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