Alltagsübung in Panikmache
Berlin, den 15. Juli 2007
Lieber RBB!
Deine Abendschau erfreut uns an jedem Wochenende damit, daß anscheinend jeder Berliner Minderjährige vermeldet wird, der zu tief ins Glas geschaut hat.
Manchmal passiert aber auch etwas, das das Nannyherz höherschlagen lassen dürfte. Sendungsbeginn, betroffenes Gesicht: „Wieder hat sich ein schreckliches Unglück im Zusammenhang mit Alkohol ereignet.“
Jawohl! Schrecklich und ein Unglück ist ja schon der Alkohol selbst. Deutschland im Vollrausch! Unsere knospende Jugend im Delirium. Und das an einem Sonntag, wo man sowieso nie so recht weiß, wie man die fast dreißig Sendeminuten vollkriegen soll.
Euer Qualitätsreporter weiß: „780 Kilovolt liegen auf der Stromschiene. Starkstrom, den niemand überleben kann.“ Wie bitte? 780 Kilovolt für eine U-Bahn, die höchstens sechzig km/h fährt? Wo die „große Bahn“ nur 16 kV benutzt. Und schweben die Fahrgäste nicht in permanenter Lebensgefahr, da sich doch bei 780 kV schnell ein Lichtbogen bilden könnte zwischen ihnen und der Stromschiene, selbst wenn sie zirka zwei Meter entfernt auf dem Bahnsteig stehen? Na ja, in Wahrheit sind es rund 750 Volt, mit denen die Berliner U-Bahn fährt. Aber ob 750 oder 750 000 – so kleinlich muß man da doch nicht sein. So wie mit der Überlebenschance: Die ist zwar gering, aber noch vorhanden.
Natürlich ist einzuräumen, daß die unsinnige Spannungsangabe von der Polizei stammte. Deren Pressemitteilung, auch zu lesen im Internet, lautete: „Eine Stromschiene der U-Bahn-Linie 3 beendete heute Morgen gegen 7 Uhr auf dem U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte in Zehlendorf [auf] tragische Weise das Leben eines 17-jährigen Berliners. Gemeinsam mit Freunden hatte er an der Krummen Lanke gefeiert und war vermutlich auf dem Heimweg. Obwohl seine Freunde versuchten, den Tempelhofer davon abzuhalten, war der junge Mann in das Gleisbett geklettert, um einen Gummiball zu holen, der kurz vorher dort hinein gefallen war. Der 17-Jährige geriet ins Straucheln und fiel mit der linken Körperseite gegen die 780-kV-Starkstrom führende Schiene. Seine Freunde holten ihn von den Schienen. Reanimationsversuche eines alarmierten Notarztes bleiben erfolglos. Der U-Bahnverkehr auf der Linie 3 war für eine Stunde unterbrochen. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen übernommen.“
Haben Sie etwas bemerkt, werter Leser? Von Alkohol ist da gar nicht die Rede. Aber während der Blödsinn mit den 780 Kilovolt unreflektiert übernommen wurde, hieß es dann in der Abendschau: „Ein tragischer Unglücksfall mehr, bei dem ein Jugendlicher sein Leben lassen mußte: Leichtsinnig, wieder unter Alkoholeinfluß.“
Da könnte man fragen: Kennen Sie eigentlich die „Zeitungsparodie“ von Kurt Robitschek?
Oder man sagt: Ja, die Bestatter schieben mittlerweile Sonderschichten wegen all der jungen Menschen, welche der Teufel Alkohol Wochenende für Wochenende mit sich reißt.
Allerdings heißt es selbst auf der RBB-Website: „Der Jugendliche war nach Polizeiangaben leicht angetrunken.“ LEICHT. Und was wäre eigentlich, wenn er sich noch ein paar Monate Zeit gelassen hätte mit dem Sterben, bis er volljährig gewesen wäre?
Egal, solche Fragen stören nur. Ebenso wie denken.
Für so eine richtige Kampagne, bei der jedes noch so an den Haaren herbeigezerrte Ereignis als Anlaß zum Rumgackern genommen wird, darf man nicht zimperlich sein. Jedes Mittel heiligt der hehre Zweck. Und der heißt Hysterie.
(Ein Glück, daß der junge Mann nicht auch noch geraucht hat. Obwohl – solchen Volksschädlingen geschieht eigentlich alles Schlimme recht.)