Ich röchel jetzt noch
(1.6.07) Es gibt den Welttag der Poesie, es gibt den Europatag, den Weltspartag, gleich mehrere Kindertage usw. usf. Im Zuge des Siegeszugs des Sozialismus werden wir mittlerweile nicht nur mit diesem dämlichen Ostzonen-Ampelmännchen gequält, der Einheits-Renten- und demnächst sicher auch Einheits-Krankenversicherung oder mit immer umfassenderer staatlicher Bevormundung. Auch daß jedem Tag eine – mindestens eine! – besondere Bedeutung zugeschrieben wird, ist inzwischen aus der unseligen DDR in die Bundesrepublik geschwappt. Mit einem wesentlichen Unterschied: Früher gab es am Tag der Eisenbahner, Tag der Chemiearbeiter oder Tag der Werktätigen in der volkseigenen Obertrikotagenindustrie doch wohl immerhin Orden, Urkunden, drei müde Blümchen und idealerweise auch Prämien.
Heute gibt es eigentlich nur noch etwas am Weltnichtrauchertag. Jedes staatliche Medium, pardon, ich meine natürlich: jedes Produkt unserer absolut freien und unabhängigen Presse, einschließlich der Rundfunkanstalten des öffentlichen Rechts, fühlt sich bemüßigt, dieses wichtige Ereignis in seinem Programm zu berücksichtigen. Wobei dies Jahr den Vogel abschoß jenes gebührenfinanzierte Programm, welches vor allem dafür geschaffen worden ist, die Pressekonferenzen und ebenso sinnfreien Parlamentsdebatten eitler Politiker und anderer Funktionäre zu übertragen, angereichert mit den Auftritten eitler Journalisten. Die restliche Sendezeit füllt man mit der Wiederholung von Dokumentationen, die man sowieso noch rumzuliegen hat.
Da offenbar gerade niemandes Eitelkeit befriedigt werden mußte, konnte gestern von Phoenix die Welt gerettet werden. Und aufgeklärt. „Wie die Tabaklobby Deutschland vernebelt – Entscheidungsträger im Würgegriff?“ war nicht nur in meiner Programmzeitschrift zu lesen. Wobei die einzige Überraschung darstellte, daß man einen Teil als Frage formuliert hatte (zweifellos war der Autor dazu gezwungen worden, von den allgegenwärtigen Agenten des Bösen, also der Nikotinterroristen, die ansonsten seine als Geiseln genommene Familie mit Tabakqualm vergiftet hätten).
Denn wie wir seit Jahren wissen, ist unter all den Weltverschwörungen, welche unser Dasein bestimmen und uns zu vollkommen willenlosen Marionetten gemacht haben, keine so erfolgreich wie jene der Tabakindustrie. Sie zieht alle Fäden, sie bestimmt unser Geschick. Und die Politik sowieso.
Ich sehe es genau vor mir: Die Politikermarionetten wollen die Tabaksteuer um weitere zwei Cent pro Zigarette erhöhen, doch die teuflische Tabakindustrie zwingt sie, vier Cent mehr zu verlangen. Die Politikermarionetten finden, dem Nichtraucherschutz bei der Bahn wird mit eigenen Raucherabteilen vollauf Genüge getan, doch die teuflische Tabakindustrie zwingt sie, das Rauchen ganz zu verbieten. Die Politikermarionetten möchten Nichtraucherräume in der Gastronomie einrichten, doch die teuflische Tabakindustrie will alle Raucher vor die Tür setzen. Mit dem Mut der Verzweiflung gelingt es den Entscheidungsträgern, hier und da Raucherräume durchzuboxen – für zwei, drei Jahre, bis auch diese verboten werden, denn eine dieser von der Tabaklobby inszenierten Kampagnen plärrt endlos in bekannter Weise: Das zieht alles rüber!
Ja, so geht es zu in der Welt. Und wie dankbar müssen wir sein, daß wir mit solchen Journalisten gesegnet sind, die es wagen, diese skandalösen Verhältnisse zu enthüllen – zweifellos gehört dazu weit mehr Courage und Todesverachtung als ihre Kollegen in China, Rußland oder Zimbabwe aufbringen müssen!
Wenigstens hin und wieder, wenigstens am Weltnichtrauchertag, können sie für einen kurzen Moment die Wahrheit herausschreien, derweil ansonsten unsere Medien überquellen vor positiven Berichten über das Rauchen und endlosen, stumpfsinnigen Darlegungen über die Ungefährlichkeit des Tabaks.
Angesichts des gnadenlosen Würgegriffs der Tabakindustrie, in welchem sich unser Land befindet, röchel ich jetzt noch.
Doch: I HAVE A DREAM!
Spätestens 2009 sollte dieser Tag auch Welttag des Nichtalkoholtrinkens sein. Spätestens 2011 Welttag des Nichtkaffeetrinkens. 2013 Welttag des Nichtcolatrinkens. 2015 Welttag des Nichtfastfoodessens. 2017 Welttag des Nichtzuckeressens. Und dann, nach dem Europäischen Jahr der Nichtdiskriminierung 2007, die Erfüllung meiner kühnsten Träume:
2020-2030 EUROPÄISCHES JAHRZEHNT DES NICHT!